Artikel und Texte
Wudang und die Kunst ein Lied zu singen
- Wudang Xingjian
- Die Drei Inneren Kampfkünste
- Das Taijiquan
- Das Baguazhang
- Das Xingyiquan
- Die Autoren
von Marianne Herzog und Michael Matern
Die Teilnehmer des Seminars schauen betreten zu ihren Nachbarn, dann zur Decke oder aus dem Fenster. Was sie da gerade gehört haben, das kann doch wohl nicht wirklich ernst gemeint sein. Sie sind doch hergekommen, um sich im Taijiquan zu üben, über Wandel und Balance von Yin und Yang zu erfahren, loslassen zu lernen, ihr Qi zu wecken oder sich in den Kampfkünsten zu verbessern. Und nun hat man sie gerade aufgefordert zu singen, gemeinsam, ein Lied. Die Dolmetscherin unterhält sich kurz mit dem chinesischen Lehrer, der in seiner daoistischen Kutte aussieht, als sei er einem historischen Film über chinesische Kampfkünste entsprungen. Sogar ein Haarknoten wird von einer silbernen Nadel gehalten.
Dann wiederholt sie ihre Aufforderung, selbst zunehmend unsicher: „Der Meister wünscht, dass ein Lied gesungen wird. Was wollen wir singen?“ Es ging dann noch ein bisschen hin und her, doch nach einigen Minuten des Widerstandes wurde schließlich ein Lied gesungen, zögerlich, kraftlos, uninspiriert.
Dies geschah vor 10 Jahren während einem der ersten Besuche von Meister Tian Liyang, der gekommen war, um hier in Deutschland die alte und fast verschollene geglaubte Tradition der Inneren Kampfkünste aus den Wudangbergen zu unterrichten. Mittlerweile findet das verlegene Umherschauen nur noch bei Neueinsteigern statt, die dann aber schnell in die einzelnen Stimmlagen integriert werden und es hat sich schon fast eine Art Chor gegründet. Des Meisters einfache Erklärung: Singen schafft gute Laune, also gutes Qi, und die Teilnehmer atmen mal tief ein und aus, also eine wunderbare Qi (Atem)-Übung. Und sie funktioniert!
Der Ruhm der Wudang Kampfkunst ist zurückzuführen auf seinen Begründer, den berühmten Daoisten Zhang Sanfeng, der in den Wudangbergen lebte und dort das Taijiquan entwickelte. Um Zhang Sanfeng und die Entstehung des Taijiquan ranken sich zahlreiche Legenden und der wahre Begründer des Taijiquan war lange historisch nicht nachzuweisen. In letzter Zeit werden jedoch in China vermehrt historische Quellen zutage gefördert, die seine geschichtliche Rolle belegen.
Es wird erzählt, dass Zhang Sanfeng eines Nachts einen Traum hatte, in dem ihm von der höchsten Gottheit der Wudangberge, Zhenwu, die Wudang-Kampfkunst vermittelte wurde. Diese plötzliche Erkenntnis wurde ihm nach langer Praxis der Kampfkunst und intensivem Üben der Inneren Alchemie zuteil. Zhang Sanfeng war ursprünglich ein Meister des Shaolin Kungfu, doch er empfand es als zu hart und sah darin viele Schwachpunkte, die von Gegnern ausgenutzt werden könnten. Außerdem sei der Shaolinstil der Gesundheit nicht in ausreichendem Maße zuträglich. Deshalb legte Zhang Sanfeng die Methoden des Shaolin ab und entwickelte die Innere Kampfkunst des Wudang, diesen großen Kampfkunststil, der dem Shaolinstil in seinem Ausdruck vollkommen entgegengesetzt ist. Zhang Sanfeng wünschte sich, dass alle großen Kampfkünstler des Landes Gesundheit und ein langes Leben erlangen und ihre Künste nicht nur im Kampf einsetzen sollten. Ihm zufolge ist es besser, im Inneren den Geist zu nähren und äußerlich seinen Körper zu hegen, seine Essenz (Jing), Qi und Geist (Shen) zu sammeln, um ein langes Leben zu erreichen. Der Wudangstil beruht auf folgenden Prinzipien: „das Weiche besiegt das Harte“, „Ruhe besiegt die Bewegung“, „4 Unzen bewegen 1 Tonne“ und ist zudem sehr gut für Körper und Geist.
Während der Kulturrevolution war die Ausübung der Kampfkünste verboten, sie wurden daher nicht mehr öffentlich praktiziert. Nach ihrem Ende wurde zu Beginn der 80er Jahre in der Stadt Taiyuan der Provinz Shanxi ein Treffen zum Austausch der Kampfkünste abgehalten. Dort wagten es einige zum ersten Mal, sich wieder öffentlich zu zeigen. Besonders erwähnenswert für den Wudangstil ist in diesem Zusammenhang Jin Zitao, der von Li Helin, einem Schüler des legendären Xu Benshan, unterrichtet worden war, der viele Jahre in den Wudangbergen lebte und wirkte und im ganzen Land berühmt war. In Folge gaben sich viele Kampfkünstler der Wudang-Schule, die größtenteils im Volke untergetaucht waren, zu erkennen und brachten Stück für Stück dieses große Kulturerbe in die Wudangberge zurück.
Es dauerte noch einige Jahre, bis diese bis dahin nur im Geheimen tradierte Kunst für jedermann zugänglich wurde. Im Jahre 1999 kam Meister Tian Liyang, der in den Wudangbergen als einer der Hauptrepräsentanten des Wudangstils gilt, zum ersten Mal nach Deutschland. Sein Name gibt seine Stellung innerhalb der Linie wieder, Tian ist sein Geburtsname, Li die Bezeichnung der 15ten Generation der Xuanwu-Schule (der klösterlichen Tradition des Wudangstils) und Yang bedeutet, dass er der erste Meisterschüler seines Meisters You ist.
Eines von Meister Tians Hauptanliegen ist der Erhalt des Wudangstils als einer ganzheitlichen, daoistischen Kampfkunst, die alle inneren Stile – Taijiquan, Baguazhang und Xingyiquan in sich vereint. Besonders wird dies im Push Hands erkennbar, das als Kampfkunstaspekt aller 3 Inneren Kampfkünste betrachtet wird. Neben den Anwendungen werden auch innere daoistische Übungen wie z.B. die des Himmlischen Kreislaufs, der 6 heilenden Laute, verschiedene Pfahlübungen, Qi (=Atem)-Übungen oder Übungen für unsere Vorstellungskraft vermittelt. Wichtig sind außerdem die Charakterschulung im klassischen Sinn, medizinische Grundkenntnisse und vor allem die daoistische Philosophie, die Grundlage aller Inneren Kampfkünste.
In China lernt man ganz anders als im Westen über viele Monate oder Jahre nur Grundübungen, bevor man mit dem Erlernen von Formen beginnt. Hat man die Grundlagen erst einmal wirklich verinnerlicht, so ist das Erlernen einer Form nicht mehr schwierig. Gleichzeitig werden körperliche Fitness, Beweglichkeit und Geschmeidigkeit trainiert. Erst dann haucht man den Bewegungen Seele ein, sie werden ästhetisch und anmutig.
Meister Tians Schüler leben in seiner Schule in China wie in einem Internat. Die Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, des Teilens von Freud und Leid, des täglichen gemeinsamen Übens über Wochen, Monate und Jahre, ist ein sehr wesentlicher Bestandteil in der wichtigsten Lektion auf dem inneren Weg, dem „Loslassen“. Nur in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, in der ernsthaft geübt wird, aber auch gelacht werden darf und soll, lockern sich Körper und Geist und man „lässt los“. „Natürlichkeit“ (Ziran), eines der höchsten daoistischen Prinzipien, ist hier keine leere Phrase, sondern begreifbar und erspürbar.
So entstand die Idee zu einem wirklich langen Seminar auch in Deutschland. Das Seminarhaus Proitzer Mühle, das inmitten der Einsamkeit der Lüneburger Heide und des Wendlandes liegt, wo Natur Natürlichkeit bewirkt und wir mit der daoistischen Philosophie in Einklang leben können, ist ein idealer Ort zur Verwirklichung dieser Idee.
Meister Tian liebt die gute Luft, das gute Qi in Deutschland, und so machen wir des Öfteren morgens gemeinsam einen Spaziergang, um Qi aufzunehmen, unsere Körper zu reinigen und das Blut und das Qi zum Fließen zu bringen. So einfach kann diese manchmal so kompliziert klingende Lektion – „Reines Qi aufnehmen“ sein.
Beim Erlernen des Kleinen Himmlischen Kreislauf werden wir von der Kraft der Gruppe getragen, wenn wir 2 Stunden lang auf immer schwerer werdenden Füßen stehen, um nach einer intensiven Reinigungsphase Qi in uns aufzunehmen, den sich im Dantian bildenden Qiball zu erspüren und ihn dann auf der Du und der Ren Leitbahn durch den Körper kreisen zu lassen. Und dabei immer lächeln und ein gutes Gefühl bewahren! Danach sind wir ziemlich erschöpft, manchmal wütend, die Emotionen schlagen hoch - unsere „Essenz“ ist verbraucht, da wir – noch relativ „Qi“-los – zuviel „Geist“ in diese Übung investiert haben. Eine tiefgreifende Erfahrung, zeigt sie uns doch, wohin der Weg gehen soll.
Am Abend eines langen Unterrichtstages sehnt man sich nach dem guten Essen, hat Spaß beim Tischtennisspiel mit dem unermüdlichen Meister, spielt Gobang, schwitzt in der Sauna oder schaut ein Video. Manche treffen sich aber auch noch in dem beeindruckenden ehemaligen Festsaal zum Üben oder einfach um sich auszutauschen. In der wohlverdienten Ruhe umfängt uns die tiefe Stille der Nacht, die uns herrlich schlafen lässt. Langsam begreifen wir, was „ganzheitlich“ bedeutet, und spüren die Leichtigkeit und Lebensfreude, die uns in den zahllosen Geschichten über Taijiquan immer so fasziniert hat. Viele sind nur für ein paar Tage da, einige kommen für die ganze Zeit, die Gruppen finden immer wieder schnell zueinander, neue Teilnehmer werden schnell integriert, denn es herrscht eine offene und freundliche Atmosphäre. Für diejenigen, die das Glück haben, das ganze, fast 3 Wochen lange Seminar mitzuerleben, ist es eine einmalige Erfahrung - das Gefühl, dem Dao ein bisschen näher zu sein.
Morgens geht es nach einem nahrhaften Frühstück weiter. Manchmal joggen wir durch den Raum, machen Dehnübungen bis wir denken, es geht nicht mehr und doch, der Körper ist danach entspannter, „losgelassener“, die Form läuft fließender, die Steifheit wird wieder aus dem Körper verdrängt. Und wenn die Anspannung steigt, die Köpfe rauchen, die Auffassungsgabe versiegt, dann spielen wir ein Spiel, lachen, kichern, sind albern, machen Pause auf dem roten Sofa.
Oder wir singen ein Lied! Und schon sind wir wieder „fang song“ – entspannt und losgelassen.
Wudang Schwert - „Xingjian“
Im Wudangstil gibt es 18 Waffenformen, u.a. das Schwert, den Speer und den Säbel. Besonders berühmt jedoch ist die Schwertform des Wudang, die zum Inbegriff der höchsten Stufe der Kampfkunst wurde. Die sehr dynamische Übung des bewegten Schwertes - Xingjian zeichnet sich durch große Anmut und Geschicklichkeit in den Bewegungen aus. So heißt es in den klassischen Schriften:
"Die Bewegung gleicht der eines Drachen im Wasser, oben und unten sind verbunden, rechts und links folgen einander, Körper und Schwert sind eins, Schwert und Geist sind eins, Geist und Qi sind eins, Qi und Kraft sind eins, das Schwert ist allgegenwärtig, Körper und Geist sind vereint, innen und außen sind verbunden, wenn wir diese Prinzipien verstehen, sind wir dann dem Dao nicht nahe?"
Die Drei Inneren Kampfkünste
Der Wudangstil besteht aus den 3 großen Inneren Kampfkünsten, dem Taijiquan, dem Xingyiquan sowie dem Baguazhang. Diese 3 großen Systeme bilden zusammen die Wudang-Schule.
Das Taijiquan
Der legendäre Begründer des Taijiquan Zhang Sanfeng, daoistischer Einsiedler und Alchimist lebte in den Wudangbergen. Dort entwickelte er auf Grundlage der daoistischen Philosophie des Wandels von Yin und Yang die 13 Grundbewegungen des Taijiquan: die 5 Schrittarten und die 8 Handbewegungen. Aus diesen entstand die Tajiquan-Form der Wudangberge, bestehend aus 64 Bewegungen (korrespondierend mit den 64 Bildern des Yi Jing). Lange wurde diese Taijiquanform nur in Geheimtradition weitergegeben („Michuan Taijiquan – Geheimtradition des Taijiquan“).
Das Taijiquan der Wudangberge ist von überraschender Einfachheit und Natürlichkeit, die Bewegungen sind rund und fließend und lassen die Prinzipien von Yin und Yang allzeit erkennen. Wie ziehende Wolken und fließendes Wasser bewegt man sich und kultiviert dabei im Inneren Essenz, Qi und Geist und äußerlich die Muskeln, Knochen und Haut. Die Leitbahnen werden geöffnet und belebt, Geist und Körper sind gleichzeitig beteiligt.
Die Grundlagen des Taijiquan beruhen auf den Prinzipien der daoistischen Philosophie; man beschreitet den Weg von Natürlichkeit, Wachstum und Wandel und kehrt zurück zu Einfachheit und Ursprünglichkeit.
Das Baguazhang
Das Bagua hat seine Wurzeln im Daoismus und basiert auf den Prinzipien des „Yi Jing – Buch der Wandlungen“ und der „8 Trigramme - Bagua“. Es wird auf den berühmten Daoisten Zhang Sanfeng zurückgeführt.
Baguazhang orientiert sich an den Gegebenheiten der Natur und den Bewegungen der 8 Tiere Schwalbe, Adler, Affe, Bär, Drache, Tiger, Pferd und Schlange. Zu den Grundprinzipien des Bagua gehören die 5 Wandlungsphasen mit ihren 5 Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten, Westen und der Mitte sowie deren Zyklen von gegenseitigem Hervorbringen und Unterdrücken.
Charakteristisch für das Bagua ist das ständige Gehen auf einer gedachten Kreislinie sowie die zahlreichen Dreh- und Spiralbewegungen. Bei den Schritten wird die ganze Fußsohle fast gleichzeitig abgehoben und der Fuß greift beim Absetzen in den Boden. Die Drehungen wirken mühelos und geschmeidig. Mit dem Bagua werden innere und äußere Fähigkeiten, Körper und Geist gleichermaßen trainiert.
Das Xingyiquan
Das Xingyiquan zeichnet sich durch geradlinige, schnelle und kraftvolle Bewegungen aus. Dabei betont das Xingyi die Offensive und verzichtet auf Abwehrtechniken oder Zurückweichen.
"Xing" bedeutet Form oder Bewegung, "Yi" heißt Geist, Wille oder Aufmerksamkeit, "Quan" ist der Faustkampf. Xingyiquan lässt sich also als "(äußere) Form-(innerer) Wille-Kampf" oder "Form- und Geistboxen" übersetzen. Dies bedeutet, dass jede Bewegung im Geist entsteht bzw. der äußeren Form eine innere Idee zugrunde liegt, der man aufmerksam nachspüren muss.
Die fünf Grundtechniken des Xingyi leiten sich von der daoistischen Lehre der fünf Wandlungsphasen ab: Pi Quan: spaltende Faust (Metall), Zhuan Quan: bohrende Faust (Wasser), Beng Quan: schmetternde Faust (Holz), Pao Quan: hämmernde Faust: (Feuer), Heng Quan: überkreuzende Faust
Abschnitt über das Xingyiquan von: Jo Augustin, www.wuguan.de
Die Autoren
Michael Matern ist Gründer des Zentrum für Taijiquan e.V. in Bielefeld und Gütersloh, zertifizierter Ausbilder für Taijiquan, Mitglied des Vorstandes des Taijiquan & Qigong Netzwerk Deutschland e.V. und Meisterschüler von Meister Tian Liyang, www.michael-matern.de
Marianne Herzog ist Dolmetscherin und Übersetzerin für Chinesisch, Tajiquan und Qigonglehrerin, sie organisiert und dolmetscht seit 1999 jährlich die Workshops mit Meister Tian Liyang in Deutschland und Europa, www.wudang.info
Erschienen im Netzwerkmagazin 2010